Artikel 2019

14.04.2019 - 00:00Uhr

Kommandant: "Die Unsicherheit war am schlimmsten"

Einsatz der Feuerwehr Talheim

Der Kommandant der Talheimer Feuerwehr, Markus Schüchtle, war mit seinen Feuerwehrkameraden nach einem Giftunfall rund um die Uhr an und in der Schozach im Einsatz.

Tagelang hielt die Chemikalie in Gruppenbach, Schozach und Neckar die Menschen in der Region in Atem. Tausende Fische verendeten, die Folgen für die Gewässer sind noch nicht absehbar − Umweltverbände sprechen davon, dass es Jahre dauern könnte, bis sich die Natur erholt.

Vor allem Feuerwehren aus Ilsfeld und Talheim waren im Einsatz, teilweise rund um die Uhr. Im Gespräch mit der Stimme berichtet der Kommandant der Talheimer Wehr, Markus Schüchtle, von ereignisreichen Tagen.

Wie ist die Lage in der Schozach, Herr Schüchtle?

Markus Schüchtle: Es werden noch tote Fische gefunden und eingesammelt. Manche Stellen in der Schozach sind drei Meter tief. Von dort kommen die Fische erst nach und nach an die Oberfläche.

Welches Gefühl dominiert, wenn Sie an die vergangenen Tage denken?

Schüchtle: Es ist eine Mischung aus Erleichterung und Ärger. Auf der einen Seite hätte es schlimmer kommen können, in dem beschädigten Behälter hätte noch Giftigeres sein können. Auf der anderen Seite ist es bitter, wenn durch so etwas Tiere sterben und der Fluss geschädigt wird. Am schlimmsten war die Ungewissheit.

Was meinen Sie?

Schüchtle: Nach dem Alarm am Vormittag sind wir am Donnerstag dorthin gefahren, wo Spaziergänger Schaum und tote Fische gemeldet haben. Das haben wir so vorgefunden. Aber es war völlig unklar, um welchen Stoff es geht und wo er herkommt. Auch, ob es für uns gefährlich ist, ins Wasser zu gehen.

Was haben Sie gemacht?

Schüchtle: Wir haben für Talheim Alarm ausgelöst, den Gerätewagen mit Messtechnik aus Lauffen und einen Fachberater Chemie angefordert, den Kreisbrandmeister alarmiert. Es wurden Proben genommen, es herrschte großes Rätselraten. Leider hat niemand zu dem Zeitpunkt die Dimension erkannt, zumal es Schaum auf der Schozach öfters gibt. Wären die Ergebnisse von Proben, die am Donnerstagvormittag genommen wurden, schneller bekannt gewesen, hätte man den Großeinsatz früher starten können. Was da schief gelaufen ist, weiß ich nicht.

Was waren vor allem die Schwierigkeiten dabei?

Schüchtle: Zum einen war es Donnerstagnachmittag gar nicht so einfach, ein Labor zu finden, das Proben untersuchen kann. Und, herauszufinden, ob die Belastung im Fluss zu- oder abnimmt. Als dann wenigstens klar war, dass Stoff und Konzentration für Menschen nicht gefährlich ist, haben wir beschlossen, das Flusswasser mit Wasser aus anderen Quellen zu verdünnen.

Wo bekommt man so viel Wasser her?

Schüchtle: Wir haben den Pächter des Tauchsteinsees gefragt, ob wir Wasser aus ihm entnehmen dürfen. Die Ilsfelder Kollegen haben Wasser aus dem See im Steinbruch gepumpt. Wasser stammte außerdem aus Grundwasserpumpen, ein Regenrückhaltebecken wurde teilweise abgelassen. Ziel war, die Schadstoffbelastung für die Ortschaften flussabwärts zu reduzieren.

Hat das funktioniert?

Schüchtle: Soweit ich gehört habe, ja. Flussabwärts sollen einige Fische überlebt haben. Aber die Belastung für die Kameraden war hoch.

Wie sah die Belastung aus?

Schüchtle: Wir haben die Pumpaktion die ganze Nacht aufrechterhalten und Schichten eingeteilt. Manche Kameraden haben Urlaub genommen. Da sind ein paar Tausend Arbeitsstunden zusammengekommen. Umso erfreulicher, dass sich schnell Freiwillige gefunden haben, die sich um Getränke und Stärkungen gekümmert haben.

Die Suche nach dem Verursacher wirkt wie ein Krimi.

Schüchtle: So ähnlich war es auch. Als am Freitagvormittag feststand, um welchen Stoff es sich handelt, gab es auch Hinweise, aus welchem Gebiet er kam. Die Polizei klingelte bei jedem Unternehmen. Freiwillig zugegeben hat aber niemand etwas, jeder einzelne Kanaldeckel musste angehoben und immer wieder Proben genommen werden. Dabei waren alle im Einsatz, von Feuerwehren und Polizei bis zu Landratsamt und Bauhöfen.

Wie kamen Sie auf die Spedition?

Schüchtle: Pläne der Kanalisation wurden besorgt, sie führten auf den richtigen Weg. Den Beweis lieferte am Ende die Simulation am Freitagabend. Da waren wir auf dem Firmengelände und haben Wasser aus dem Container laufen lassen und beobachtet, wie es seinen Weg bis in den Bach findet.

Was hat der Einsatz gekostet und wer bekommt die Rechnung?

Schüchtle: Das ist noch nicht klar. Es geht ja nicht nur um die geleisteten Stunden, sondern auch um Verbrauchsstoffe wie Benzin für die Pumpen. Unser Ansprechpartner, was Kosten angeht, ist die Gemeinde. Wer am Ende eine Rechnung bekommt, ist dann ihre Sache.

Artikelverfasser: Alexander Klug, HSt

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